6/13/2010

innerer reichsparteitag.

Werte Leserschaft,
es ist Fussballweltmeisterschaft und die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender berichten aus Südafrika von Jogis Mannen. 'Wir' haben bereits mit 'unserer Lena' einen 'Sieg' beim Eurovision Songcontest eingefahren und glauben jetzt an ein neues 'Sommermärchen'. Wir sind ja gewohnt, dass allerlei geschmackloses Vokabular durch die Gazetten und Köpfe geistert, aber nun hat vor wenigen Minuten Katrin Müller-Hohenstein [*] bewiesen, dass es noch ein wenig doller geht. In Bezug auf Miroslav Kloses Treffer im ersten Gruppenspiel der Nationalmannschaft gegen Australien sagte sie: '(...) für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag. Jetzt mal ganz im Ernst. Das der hier heute trifft'. Schon wenige Sekunden nach der Aussage fand man bei Twitter die ersten empörten Kommentare und dann bald die ersten Blogeinträge - ganz wie diesen hier.

Natürlich wird auch wieder relativiert. Das ist nicht böse gemeint, sowieso eine Floskel und gar nicht schlimm. Die Redewendung ist jedoch laut entsprechenden Quellen unmissverständlich zweierlei. '1. Gefühl tiefster Befriedigung / Genugtuung und 2. private Zelebration rechtsradikalen Gedankengutes' [*]. Wer sich an ein Millionenpublikum wendet und die Verantwortung von Live-Moderationen übernimmt, sollte erst denken und dann sprechen.

Den relativierenden Stimmen sei gesagt: Wer meint über die, mit der Redewendung genaustens bezeichnete Zeit hinweg zu sein, sollte ebenso die mit dieser Zeit engstens verknüpften Floskeln und Phrasen aus seinem Sprachgebrauch löschen und desweiteren akzeptieren, dass die Zugehörigkeit zu einer Masse keineswegs ein Indiz dafür ist recht zu haben. Wer in der Zeit von '33 bis '45 dafür nicht genug Beweise sieht, für den ist vermutlich diese Weltmeisterschaft auch nur Mittel zum Zweck, sowie das Kollektiv ein Deckmantel für ganz andere Triebe. Nachtigall ik hör dir trapsen.

5/05/2010

ein leserbrief.

Werte Leserschaft,
vor wenigen Stunden hat uns ein Brief erreicht, den wir hier veröffentlichen wollen. Der Autor hat mitgeteilt, dass dieses Schreiben an mehrere Blogs, sowie Zeitungsredaktionen versendet worden ist. Weiterhin teilte er mit, dass dieser Brief eine direkte Reaktion auf einen 'Wut-Brief' darstellt, der im Hamburger Abendblatt [*] veröffentlicht wurde.
Hierzu möchten wir darauf hinweisen, dass Leserbriefe nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion darstellen. Die Veröffentlichung, sowie Korrekturen (orthographische bzw. grammatikalische) behält die Redaktion sich vor. In der Folge der vollständige Brief, der uns heute Nachmittag erreicht hat.

Lieber anonymer Schanzenbewohner,

ich war dabei, als vor ein paar Tagen im gesamten Schanzenviertel die Gewalt eskalierte, als unter anderem Deutsche Bank, Hamburger Sparkasse, Rewe und Rossmann entglast wurden und sich das zweite Amüsierviertel dieser Stadt, in ein Kampfgebiet verwandelte. Ich habe vor deiner Haustür in unserer Stadt gestanden und nüchtern Zigaretten geraucht, während vor der Roten Flora die ersten Barrikaden brannten und betrunkene Feiertouristen johlten und jauchzten. Ich rauchte und staunte.

Es mag deine Haustür sein, aber nicht ausschließlich dein Straßenpflaster, obwohl du an warmen Tagen erscheinst, wie ein Pate, in deinem Kampf um einen guten Platz im Sonnenschein. Du magst Anwohner im Schanzenviertel sein, aber auch Bewohner dieser Stadt. Du magst hier geboren oder zugezogen sein, aber deine Umwelt ist mehr als drei, vier Straßenzüge eines Viertels. Du magst es kaum glauben, aber du bist weit weniger Schanze, als mehr Deutschland. Du bist Deutschland. Deutschland im Herbst.

Du, der du dieser Tage entsetzt, ob der destruktiven Energie einiger, und stets mehr werdender, junger Menschen bist, hast in den vergangenen Jahren mehrfach die Wahl gehabt, dieser (un)aufhaltsamen Entwicklung, mit deinem Stimmrecht bei demokratischen Wahlen, ein wenig was entgegenzusetzen. Stattdessen hat du CDU, SPD, FDP oder Grüne gewählt, auf neue Koaltionen gesetzt und sie bekommen. Stattdessen gingst du feiern, hast Sonntage verschlafen oder warst zum Picknick im Park - deine gesellschaftliche Teilhabe definierst du über Mitgliedschaften in NGOs, statt über Wahlen. Stattdessen hast du Wählergemeinschaften und Parteien gegründet, deren Halbwertszeit einer brennenden Barrikade auf dem Schulterblatt entsprechen.

Jetzt machen dir die jungen Menschen, denen du nur Hass, Hass, Hass entgegenzubringen hast, das schöne Leben unbequem. Es brennt und stinkt. Du denkst, an die Lungen deiner Kinder und bleibst immer schön passiv. Du philosophierst über den Sinn und Unsinn von Krawall. Der Frust vor deiner Haustür steigt und eigentlich erwartet man dich an einem dunklen Fenster eines Altbaus - gestützt auf ein Kissen, fürchtend entdeckt zu werden. Stattdessen bist du durch die Straßen gepirscht und hast Wut getankt. Würdest du öfter mit offenen Augen durch dein Viertel laufen, dann wüsstest du, dass diese Möchtegern-Mescaleros immer unter dir weilen. Gleich um die Ecke, nur nicht da wo deine sozialen Kämpfe in Milchschaum und Krabbelgruppe ersticken.

Vor ein paar Jahren hing in jedem Laden deines Viertels dieses Shirt mit dem Slogan "Ich hasse das Schulterblatt" - vermutlich hast du es in der Kommode liegen. Trägst du es, dann fühlst du dich furchtbar subversiv. Deine Subversion ist ein kommerzialisiertes Opfer und du merkst es nicht mal.

Deine sozialen Kämpfe sind längst vergangen, wohingegen die jungen Leute dank deiner Gestaltung des Heute, bestens lernten zu kämpfen, nur nicht wissen was sozial ist. Du hast die Rote Flora damals freigekämpft? Otto Schily und Horst Mahler waren früher auch mal links. Vielleicht sitzt du heutzutage täglich in einer dieser lichtdurchfluteten Agenturen und bist ganz furchtbar kreativ, um die überhöhten Mieten deiner Altbauwohnung zu zahlen. Das Design auf den Etiketten der Flaschen die euch um die Ohren fliegen, das Layout der Plakate die so schön brennen - eure Arbeit für eure lebenswerte Welt transformiert sich zu Scherben und Asche.

Du redest von den Radikalen, weil du selbst längst nicht mehr für radikale Lebensentwürfe bereit bist, obwohl du sie eigentlich anderen aufzwingst, in dem du seit Jahren wegsiehst, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Du sagst unter euch "links-liberalen" Schanzenanwohnern ringe man um Lösungen, doch welche Lösungen meinst du? Dispo, Darlehen und Kita-Plätze? Du bist satt und magst die hungrigen Mäuler nicht vor deiner Haustür sehen. Die von dir so bezeichneten halbstarken Krawallos sind das längst zertrümmerte Rückgrat unserer Gesellschaft und du, der du um dein Eigentum bangst, bist der Täter. Du hälst noch den Knüppel in der Hand und verdrehst die Täter-Opfer-Beziehung.

Es scheint als gäbe es nur zwei Antiutopien. Erstens, den totalitären Staat zu deinen Gunsten, in dem du das Elend nicht sehen musst, weil es in Banlieus vegetieren muss, während du, der brave Bundesbürger, dich hinter der Staatsmacht, in deinem lebensfrohen Umfeld verschanzen kannst. Zweitens, der gesellschaftliche Zerfall, in dessen Verlauf die radikalen Verlieren (frei nach Hans Magnus Enzensberger) von Kräften instrumentalisiert werden, gegen die du heute immer und immer wieder vergisst auf die Straße zu gehen, weil du so verdammt bequem bist.

Wem gelten die halbseidenen Drohungen wirklich, lieber anonymer Schanzenanwohner, wenn du sagst, dass du für Vertreibung, auch ohne Polizeieinsatz sorgen willst? Welche Mentalität bringt solche Fantasien hervor? Vertreibung. Du hast in deiner Arroganz das wahre Ausmaß der Bedrohung, unser aller Lebensumstände nicht begriffen. So sehr ich die Gewaltorgien der letzten Tage ablehne, so sehr mich die Entstehung von rechtsfreien Räumen am 1.Mai beunruhigte, so sehr ich erschrocken war vom unwahrscheinlichen Hass der Jungs und Mädchen, so sehr ekeln mich die Reaktionen von dir und Deinesgleichen. Ihr habt versäumt die Ursachen des Übels anzugehen und ich schätze ihr werdet es weiter versäumen. Solange das so ist, erkläre ich mich mehr als nur restsolidarisch mit denen, die du nächstes Mal vergeblich zu vertreiben versuchen wirst, weil sie nicht wären was sie sind, wenn diese Stadt noch die wäre, in die ich vor vielen Jahren hineingeworfen wurde.

V., der sympathische Typ vor deiner Haustür.

1/27/2010

das etcetera prinzip.

lessingIch bin ja schwer dafür, dass wir einfach mal konsequent ehrlich miteinander sind. Es wird zu viel um den heißen Brei herumgeredet, zu viel diskutiert und debattiert. 'Du bist wunderschön.' Wieso sagen wir sowas nicht einfach mal zu jemandem, wenn wir es doch denken? Einfach aus dem Nichts. Weitaus mehr als solcherlei menschliches Verhalten, befremdet mich die Hypothese, dass unser aller Existenz aus dem Nichts kommen soll. Wo wir beim Etcetera-Prinzip wären und einer endlosen Kette aus Debatten, Diskussionen und Streitereien.

Als Etcetera-Prinzip wird das Verhaltensmuster von Menschen bezeichnet, bei dem sie das Fehlen oder Unklarheit von Informationen beim Empfangen von Nachrichten ohne Nachfrage hinnehmen, in der Erwartung, dass sich offene Fragen im Laufe der Kommunikation aufklären lassen. [...]
ursprung.


Ich wünschte mir, wir würden einfach mal alle anhalten.
Einatmen. Ausatmen und sagen was wir wirklich denken.
Ich habe damit begonnen. Nur manchmal fällt es schon noch schwer.
Insbesondere dann, wenn es darum geht zu sagen: 'Du bist wunderschön.'

9/25/2009

erich fried: krank.

lessingEs ist manchmal nahezu überflüssig, sich die Mühe zu machen, einen neuen Text zu formulieren. Es gibt so viele großartige Gedichte und Aufsätze. Ein Fragment aus dem Gesamtwerk von Erich Fried soll hier heute zum Nachdenken anregen. Selbstverständlich will ich ein wenig sonderlich sein und die Sätze nicht für sich stehen lassen. Bereits 2001 hat Paul Kalkbrenner diese Zeilen für sein Album "Superimpose" vertont - anhören kann es sich der geneigte Leser, am Ende dieses Eintrages.

*erich fried: krank.
Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank

Und wer sich noch immer nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank

Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost und die Scham
anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank

Wer sich abschrecken lässt
durch die die ihn krank krankhaft nennen
und die ihn krank machen wollen
der ist krank

Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank

Wer kein Mitleid hat
mit denen die er missachtet
und bekämpfen muss um gesund zu sein
der ist krank

Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein

Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst

Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine Krankheit
und die seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank

Wer weiß dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank

Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank

6/15/2009

mit zweierlei maß.

Vor wenigen Tagen wurde in Iran ein Prozess in Gang gesetzt, an dessen Ende die Destabilisierung des Landes stehen kann, in dem die einzige vom Volk angestrebte und durchgeführte Revolution des 20.Jahrhunderts stattfand. Es ist mutig, dies zu heute zu schreiben, aber ebenso ist es feige es nicht zu tun. Bleiben wir objektive Menschen, wenn es um Geschichte und Politik geht.

Der mediale Fokus lag in den vergangenen Wochen auf den Präsidentschaftswahlen in Iran, wie nie zuvor. Kaum verwunderlich, denn weite Teile der Welt wünschten sich die Abwahl des Amtsinhabers Mahmoud Ahmadinedjad. Es sah, wenn man dem von den Medien vermittelten Stimmungsbild Glauben schenken wollte, gut aus. Der Mitbewerber Mir Hossein Mussawi war von 1981 bis 1989 Premierminister der islamischen Republik und schien sich nach seinem Rückzug aus der Politik, vom Hardliner zum reformorientierten Konservativen gewandelt zu haben. Die Partizipationsfront des islamischen Iran - das Sammelbecken der Reformer - gab eine Wahlempfehlung zu Gunsten Mussawis aus.

Es ist ein Makel der Menschen und der Medien, dass sie das kleinere Übel häufig vorbehaltlos mit einem Eifer unterstützen, der an Religiösität erinnert. Mussawi, als der iranische Barack Obama? Nur hat der iranische Kandidat, der sich als Anwalt der Masse ausgab, eben jene Masse nicht hinter sich geeint. Weder er, noch seine Anhänger können das glauben. Demokratie ist eben unberechenbar und keine Glaubensfrage - zum Glück.

62,6 Prozent der Iraner haben Ahmadinejad im Amt bestätigt. 33,7 Prozent wählten Mussawi und nur 3% gaben ihre Stimme den Kandidaten Mehdi Karroubi oder Mohsen Rezai. Das ganze bei einer Wahlbeteiligung von knapp 85%. Am europäischen Demokratieverdruss leiden die Iraner jedenfalls nicht. Doch diese Zahlen werden angezweifelt. Sowohl von den westlichen Medien, der iranischen Opposition - die sich nunmehr aus Mussawi und seinen Gefolgsleuten zusammensetzt - und von den erklärten Feinden des iranischen Präsidenten. Sagen wir es mal salopp: würde ich genauso machen! Eine Wahl zu verlieren ist übel, wenn man sich schon im Vorfeld als Sieger und "Befreier" sieht. Die "grüne Bewegung" ist im demokratischen Prozess gescheitert und spielt jetzt beleidigte Leberwurst.

Es zeugt von zutiefst undemokratischem Verhalten, wenn man Wahlen als gefälscht und manipuliert bezeichnet, ohne eklatante Verstöße gegen geltendes Recht zu entlarven, sowie Beweise für die eigenen Hypothesen vorzubringen. Das jene, die seit vier Jahren, den mutmaßlichen Schurken Ahmadinejad verteufeln, nun Spalier stehen und Mussawis Weg mit Rosenblüten schmücken, ist ein logischer Nebeneffekt. Der Kandidat und seine Unterstützer müssen erklären, was 2009 anders lief als 2005. Sie müssen ihre Anhänger dazu aufrufen, die Ruhe zu bewahren und ihre Machtansprüche hinter die Interessen des ganzen Landes stellen. Alles andere hätte schlimmste Folgen für Iran und die gesamte Region.

Sollte es ein Interesse der USA und ihrer Allierten geben, für einen Umsturz in Iran zu sorgen, dann ist jetzt die Zeit der Praxis gekommen. Man darf sich sicher sein, dass es Planspiele im Pentagon gab und sich einige Politiker, sowie weite Teile des Geldadels heute die Hände reiben. Seit vielen Monaten ist Iran teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht im Fadenkreuz der internationalen Gemeinschaft. Es ist klar, dass man als freiheitlicher Mensch nicht tolerieren kann, wenn der Präsident des Iran den Holocaust in Frage stellt, doch impliziert dies nicht, dass er für die iranische Bevölkerung unwählbar wurde und Mussawi gewinnen musste. Ein Konsens der Menschen in Iran ist: Keine Fremdbestimmung, nie wieder! Die "grüne Bewegung" will keinen Schritt in die Zeit vor 1979. Ahmadinejad und der Shah werden gleichgesetzt, die USA sind nicht Everbody's Darling und man will auch nicht um jeden Preis Coca Cola und Ralph Lauren. Es war klar: Eine militärische Operation gegen Iran würde ein Desaster werden. Das Volk würde sich nicht einspannen lassen - Iran ist eben nicht Irak.

Die aktuelle Entwicklung bietet Spielraum für völlig neue Maßnahmen. Sogenannte "Covert Operations" im Windschatten ziviler Unruhen, die durch Einfluss von Außen befeuert werden können. Ob Exiliraner aus dem Pahlavi-Lager oder der Volksmudschedin, sunnitische Gegenspieler des stärksten Players in der Region oder Staaten die den westlichen Wertekanon ohne Kompromisse exportieren wollen - die Liste derer, die in diesen Tagen politische Morgenluft schnuppern, kann noch fortgeführt werden.

Die Folgen einer Destabilisierung des Iran, sind nicht vorhersehbar. Hypothesen anzustellen nicht konstruktiv. Doch "Stopp" zu schreien, wenn die Wahrheit im Namen einer falschen Freiheit stirbt, ist eine bürgerliche Pflicht. Sobald in Zeitungen und Magazinen suggeriert wurd, dass heute Menschen in Iran demonstrieren, die seit 30 Jahren massiv unterdrückt werden, ist die Wahrheit gestorben. Es gab 1979 keinen Militärputsch, keinen Regime Change und keinen Bürgerkrieg. Es war eine verhältnismäßig friedliche Revolution von der Straße - dies muss man dem Land zugestehen. Weiterhin hat sich die Gesellschaft in dreissig Jahren immer weiter liberalisiert. Aus eigenen Anstrengungen heraus, ist eine vom Volk gewollte Republik erwachsen geworden. Gestern haben laut Medienberichten in Teheran zehntausende Anhänger den Sieg des neuen und alten Präsidenten gefeiert, während verschiedene Quellen von gerade mal ein paar Hundert Oppositionellen schrieben, die mit Gewalt ihre "Reformen" erzwingen wollen. Hoffen wir, dass dieses Verständnis von Demokraie, nie mehr, nirgendwo toleriert wird.

4/29/2009

von schwänen und schweinen.

all hazardvon schwänen und schweinen.

Die Stimmung ist erhitzt. Die Hamburger Morgenpost und die BILD-Zeitung haben heute einhellig das Thema "Schweinegrippe" auf die Titelseiten gezerrt. Schon die Farbabstimmung - alles in grellem Gelb gehalten - suggeriert: Gefahr! Es wird von der "weltweiten Seuche" und dem Kampf von Margaret Chan (62), der WHO-Chefin, gegen das Virus geschrieben. "Schweinegrippe mitten in Hamburg" stellt die Mopo zielgenau fest. Die Abkehr vom Schweinefleisch wird schon gepredigt, jedenfalls morgens auf Radio Hamburg. Doch festzustellen ist: Kein Schwein ist bisher am Virus erkrankt, lediglich Menschen. Die Bezeichnung ist, laut Wissenschaftlern irreführend. Wer jetzt davon ausgeht, dass nur die Medien bei dem Schweinetheater mitspielen irrt: In Kairo entschloss sich die Regierung, die Keulung aller Schweine zu veranlassen. Einfuhrverbote für Schweinefleisch aus Mexiko und den USA erließen unter anderem China und Russland. Die Chinesen sind die weltweit größten Konsumenten von Schweinefleisch.

Die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der "novel flu", wie die EU-Kommission die Grippe umtaufte, können enorm sein. Die Touristikbranche ächzt und auch an den Börsen gibt es ein kleines Erdbeben, weil Anleger eine Verschärfung der Weltrezessin befürchten. Erdöl-Kurs runter und umsatteln auf Staatsanleihen und Gold. Philip Faigle von ZEIT online sieht die Schwellenländer besonders bedroht, weil in schwierigen Zeiten die Investoren ihr Geld in sicheren Häfen parken, sprich den Industrieländern.

Diese Grippewelle ist kein Schwarzer Schwan. Ebenso ist der Crash an den globalen Finanzmärkten keiner gewesen. Diese Wortschöpfung stammt von Nassim Nicholas Taleb, dem Autoren des Buches "Der Schwarze Schwan". Bis in Australien ein schwarzer Schwan entdeckt wurde, haben die Europäer die Meinung vertreten, dass es nur weiße Schwäne geben kann. Alles andere wurde als Humbug abgetan. Sie wurden eines Besseren belehrt. Ein Schwarzer Schwan ist also ein absoluter Ausreißer oder die Negation der Negation. Das war diese Grippewelle nicht, denn sie war absehbar. Was daraus gemacht wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Man kann in Panik verfallen und diese zusätzlich verbreiten. Besonnenheit ist eine hohe Kunst, die nur wenige und besonders wenige Journalisten und Medienmenschen beherrschen.

Erinnern wir uns an die Berichterstattung zur Rinderkrankheit Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE). Eine große Panik wurde ausgelöst und Rinderfleisch war ein absolutes no-go für immer mehr Menschen. Abgesehen davon, dass Wissenschaftler schon 2006 festgestellt haben, dass die Inkubationszeit beim Menschen bis zu 80 Jahre betragen kann, ist die Stimmung betreffend dieser Krankheit nicht mehr zu erhitzt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Diese neue Variante der Creutfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) ist nicht mehr aktuell genug, ebensowenig wie SARS und die ominöse Vogelgrippe.

Es ist mehr als fragwürdig, wie die Medien mit den Gefahren von Seuchen umspringen. Bis auf wenige Ausnahmen, wie der oben zum Beispiel erwähnte Philip Faigle von Der Zeit, wird ins gleiche Horn geblasen - nämlich das der Panikmache. Lauter, schneller und vor allen Dingen greller muss es gehen. Diese Devise kann Wirtschaftssystem kollabieren lassen, aber eben auch, und das darf man nie vergessen, Menschen in unnötige Existenzängste zwingen. Auf die Frage, wieso "die Medien" das machen sollten, kann man schwerliche eine Antwort mit dem Anspruch auf vollen Warheitsgehalt geben. Vielleicht ist es einfach nur ein einfaches Marktgesetz: Die Nachfrage diktiert häufig das Angebot und so sollte sich der geneigte Verbraucher beim nächsten Kauf einer Tageszeitung oder eines Nachrichtenmagazins fragen, ob es ihm um Sensationslust oder Hintergründe geht. Für ersteres Bedürfnis ein paar unterhaltsame Filme: 28 Days Later, 28 Weeks Later und Doomsday.

verweise.
_zeit: kein schwein...
_wiki: 28 days later