von schwänen und schweinen.Die Stimmung ist erhitzt. Die Hamburger Morgenpost und die BILD-Zeitung haben heute einhellig das Thema "Schweinegrippe" auf die Titelseiten gezerrt. Schon die Farbabstimmung - alles in grellem Gelb gehalten - suggeriert: Gefahr! Es wird von der "weltweiten Seuche" und dem Kampf von Margaret Chan (62), der WHO-Chefin, gegen das Virus geschrieben. "Schweinegrippe mitten in Hamburg" stellt die Mopo zielgenau fest. Die Abkehr vom Schweinefleisch wird schon gepredigt, jedenfalls morgens auf Radio Hamburg. Doch festzustellen ist: Kein Schwein ist bisher am Virus erkrankt, lediglich Menschen. Die Bezeichnung ist, laut Wissenschaftlern irreführend. Wer jetzt davon ausgeht, dass nur die Medien bei dem Schweinetheater mitspielen irrt: In Kairo entschloss sich die Regierung, die Keulung aller Schweine zu veranlassen. Einfuhrverbote für Schweinefleisch aus Mexiko und den USA erließen unter anderem China und Russland. Die Chinesen sind die weltweit größten Konsumenten von Schweinefleisch.
Die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der "novel flu", wie die EU-Kommission die Grippe umtaufte, können enorm sein. Die Touristikbranche ächzt und auch an den Börsen gibt es ein kleines Erdbeben, weil Anleger eine Verschärfung der Weltrezessin befürchten. Erdöl-Kurs runter und umsatteln auf Staatsanleihen und Gold. Philip Faigle von ZEIT online sieht die Schwellenländer besonders bedroht, weil in schwierigen Zeiten die Investoren ihr Geld in sicheren Häfen parken, sprich den Industrieländern.
Diese Grippewelle ist kein Schwarzer Schwan. Ebenso ist der Crash an den globalen Finanzmärkten keiner gewesen. Diese Wortschöpfung stammt von Nassim Nicholas Taleb, dem Autoren des Buches "Der Schwarze Schwan". Bis in Australien ein schwarzer Schwan entdeckt wurde, haben die Europäer die Meinung vertreten, dass es nur weiße Schwäne geben kann. Alles andere wurde als Humbug abgetan. Sie wurden eines Besseren belehrt. Ein Schwarzer Schwan ist also ein absoluter Ausreißer oder die Negation der Negation. Das war diese Grippewelle nicht, denn sie war absehbar. Was daraus gemacht wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Man kann in Panik verfallen und diese zusätzlich verbreiten. Besonnenheit ist eine hohe Kunst, die nur wenige und besonders wenige Journalisten und Medienmenschen beherrschen.
Erinnern wir uns an die Berichterstattung zur Rinderkrankheit Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE). Eine große Panik wurde ausgelöst und Rinderfleisch war ein absolutes no-go für immer mehr Menschen. Abgesehen davon, dass Wissenschaftler schon 2006 festgestellt haben, dass die Inkubationszeit beim Menschen bis zu 80 Jahre betragen kann, ist die Stimmung betreffend dieser Krankheit nicht mehr zu erhitzt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Diese neue Variante der Creutfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) ist nicht mehr aktuell genug, ebensowenig wie SARS und die ominöse Vogelgrippe.
Es ist mehr als fragwürdig, wie die Medien mit den Gefahren von Seuchen umspringen. Bis auf wenige Ausnahmen, wie der oben zum Beispiel erwähnte Philip Faigle von Der Zeit, wird ins gleiche Horn geblasen - nämlich das der Panikmache. Lauter, schneller und vor allen Dingen greller muss es gehen. Diese Devise kann Wirtschaftssystem kollabieren lassen, aber eben auch, und das darf man nie vergessen, Menschen in unnötige Existenzängste zwingen. Auf die Frage, wieso "die Medien" das machen sollten, kann man schwerliche eine Antwort mit dem Anspruch auf vollen Warheitsgehalt geben. Vielleicht ist es einfach nur ein einfaches Marktgesetz: Die Nachfrage diktiert häufig das Angebot und so sollte sich der geneigte Verbraucher beim nächsten Kauf einer Tageszeitung oder eines Nachrichtenmagazins fragen, ob es ihm um Sensationslust oder Hintergründe geht. Für ersteres Bedürfnis ein paar unterhaltsame Filme: 28 Days Later, 28 Weeks Later und Doomsday.
verweise.
_zeit: kein schwein...
_wiki: 28 days later
Guter Stil. Respekt.
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